TANTRA YOGA Kundalini Tantra
Swami Satyananda Saraswati
über die Erweckung der Kundalini durch tantrische Praktiken
Auszug aus seinem Buch "Kundalini Tantra", Yoga Publications Trust, Munger, Bihar, India
(Anmerkungen in Klammer von Nathalie Amiel)
Seite 112: Vama Marga und das Erwachen von Kundalini
Das sexuelle Leben war für die Menschheit schon immer ein Problem und soweit wir in der Geschichte zurückblicken können, ist die für die Sexualität verantwortliche Urenergie immer missverstanden worden. Obwohl religiöse Lehrer und Moralisten die Sexualität mit Verachtung straften, liess sie sich nicht eliminieren. Der Mensch braucht sie einfach, ob er das nun respektiert oder nicht. Es ist möglich, sich der sexuellen Befriedigung zu enthalten, aus dem Bewusstsein aber lässt sich Sexualität nicht auslöschen, denn hier liegt eines der stärksten Bedürfnisse des Menschen.
Die übliche Vorstellung von sexuellem Leben ist unwissenschaftlich und unkorrekt. Sie entstand durch heuchlerische Gesellschaften und Nationen und hat unzählige junge Menschen in die Psychiatrie gebracht. Möchtest du etwas, von dem du glaubst, dass es schlecht ist, tauchen alle möglichen Schuldgefühle auf. Das ist der Anfang von Schizophrenie, und jeder von uns ist bis zu einem gewissen Grad schizophren (oder zumindest neurotisch).
Yoga und Tantra haben eine völlig andere Definition.
Yogis haben versucht, dem sexuellen Bedürfnis eine Richtung zu weisen, denn Yoga steht nicht im Widerspruch zum sexuellen Leben. Das normale sexuelle Leben ist weder spirituell noch unspirituell. Wenn du aber Yoga übst und bestimmte Techniken beherrscht, dann kann das sexuelle Leben spirituell sein. Wenn du im Zölibat lebst, kann das natürlich auch spirituell sein.
Es gibt zehn Yogamethoden, die Kundalinienergie zu erwecken: Mantra, Tapasya, Kräuter (keine Drogen), Raja Yoga, Pranayama, Kriya Yoga, Tantrische Einweihung, Shaktipat, Selbsthingabe.
Die lebensbejahendste und integrierendste davon ist Kundalinitantra.
Seite 113: Linker und rechter Tantra Pfad
Die Wissenschaft vom Tantra besteht aus zwei grossen Richtungen – Vama Marga und Dakshina Marga. Vama Marga ist der linke Pfad, auf dem Sexualität so mit Yoga Übungen kombiniert wird, dass die schlafenden Energiezentren aufbrechen können. Dakshina Marga ist der rechte Pfad; er beinhaltet Yoga Übungen ohne sexuellen Verkehr.
Aufgrund der mit Sexualität einhergehenden Probleme wählte man früher meist Dakshina Marga. Heutzutage werden diese Barrieren zusehends niedergerissen, und Vama Marga rückt wieder ins Blickfeld. Die meisten Menschen suchen heue nach einer Möglichkeit, die Sexualität in die spirituelle Entwicklung einzubeziehen.
(Jedoch ist der Weg des Vama Marga eine direkte Auseinandersetzung mit der menschlichen Triebhaftigkeit und darum schwierig umzusetzen, da den meisten Menschen Mut und Disziplin fehlt, sich mit Kundalini Yoga und gelebter Sexualität wahrhaftig auseinanderzusetzen. Das westliche Tantra bietet einen bewussten Ansatz dazu, über die Methodik der tantrischen Körpertherapie, Tantramassagen und Kundalini Yoga)
Laut Tantra gibt es drei unterschiedliche Zielrichtungen im sexuellen Leben. Für die einen sind die Nachkommen wichtig, für die anderen ist es das Vergnügen (oder beides, Anmerk. Nathalie). Für den tantrischen Yogi (oder die tantrische Yogini) ist Sexualität ein wichtiges Mittel um Samadhi (Vereinigung mit dem Meditationsobjekt und dem universalen Bewusstsein, höchste Meditationsebene) zu erlangen. Er misst ihr keinerlei Bewertung bei, sondern betrachtet sie ganz einfach als Teil seines Sadhanas (spirituelle Übungen). Er weiss jedoch, dass er für spirituelle Zwecke die Erfahrung des Höhepunktes aufrechterhalten muss. Normalerweise ist dieser Erfahrungsmoment schon wieder vorbei, bevor er überhaupt vertieft werden kann. Durch Erlernen und Meistern bestimmter Techniken greift die Erfahrungsqualität auf das Alltagsleben über. Dann erwachen die ruhenden Zentren des Gehirns, und sie alle beginnen gleichzeitig zu arbeiten.
Seite 113: Das Energieprinzip
Kundalini kann durch Einbeziehung des Geschlechtsverkehrs zwischen Mann und Frau erweckt werden – so lautet die Behauptung von Vama Marga. Das dahinterliegende Konzept lässt sich mit dem Prozess der Spaltung und Fusion in der modernen Physik vergleichen. Mann und Frau verkörpern die positive und die negative Energie; Zeit und Raum stellt das Gleiche im mentalen Bereich dar. Normalerweise sind die beiden Kräfte gegensätzlicher Pole. Während des Geschlechtsverkehrs jedoch bewegen sie sich aus ihrer Polarität heraus auf den Mittelpunkt zu. Wenn sie im Kern oder Mittelpunkt zusammentreffen, gibt es eine Explosion, aus der Materie hervorgeht. Das ist das grundlegende Thema der tantrischen Einweihung.
Der Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau ist ein natürlicher Vorgang; zwei polare Energieformen prallen aufeinander. In jeder Lebensform ist es die Vereinigung vom positiven und negativen Pol, die für Schöpfung verantwortlich ist. Die Vereinigung dieser beiden Pole ist für die Erleuchtung Voraussetzung. Das Erlebnis, das mit der geschlechtlichen Vereinigung verbunden ist, gibt einen flüchtigen Blick auf ein weitaus höheres Erlebnis.
Dieses Thema wurde in allen tantrischen Schriften ausführlich behandelt. Die Energiewellen, die während der Vereinigung zwischen zwei Menschen erzeugt werden, sind allgemein bekannt. Das wichtige ist nun, diese Energie zu den höheren Zentren zu leiten. Jeder kennt zwar den Weg sie zu erzeugen, aber kaum jemand lernt, sie zu den höheren Zentren zu lenken. Was während dieses natürlichen Ereignisses, das fast jeder Mensch kennt, wirklich geschieht und welche Möglichkeiten es birgt, wissen nur sehr wenige. Kann diese Erfahrung, die normalerweise nur kurzlebig ist, über einen längeren Zeitraum ausgedehnt werden, ist auf diese Weise Erleuchtung möglich ().
Seite 15: Was ist Kundalini?
Jeder sollte etwas über Kundalini wissen, denn sie stellt das zukünftige Bewusstsein der Menschheit dar. Es ist der Name einer schlummernden, potentiellen Energie im menschlichen Organismus, die ihren Sitz an der Basis der Wirbelsäule hat. Im männlichen Körper befindet sie sich im Perineum zwischen Genitalien und After und im weiblichen Körper am unteren Teil der Gebärmutter, am Muttermund.
Man nennt dieses Zentrum, das tatsächlich ein physisches Gebilde ist, das Muladhara Chakra. Es ist eine kleine Drüse. Da Kundalini aber eine schlafende Energieform ist, wird sie noch lange nicht "wie eine Bombe explodieren", wenn auf physischer Ebene eine Berührung stattfindet.()
Lies dazu auch Seite 152: () die Lokalisierung
In den tantrischen Schriften wird Kundalini als Urkraft oder Energie beschrieben. In der modernen Psychologie wird sie das Unbewusste genannt. Es gibt viele Menschen, die Kundalini in sich erweckt haben. Es sind nicht nur Heilige und Sadhus, auch grosse Künstler und Künstlerinnen, auch Feldherren sind Beispiele dafür, dass jeder diese in ihm (ihr) ruhenden Kraft erwecken kann. Mit diesem Ereignis entsteht nicht nur das Bild des Göttlichen, sondern eine kreative Intelligenz macht sich bemerkbar und supramentale Fähigkeiten erwachen. Wenn auch die Kundalini Kraft von einer einzigen Energie gebildet wird, drückt sie sich doch durch die individuelle Energiezentren, die Chakras, ganz unterschiedlich aus; zuerst in einer gröberen, instinktiven Art, dann allmählich auf immer subtilere Weise.
Seite 21: Das Verfeinern der Ausdruckskraft dieser Energie auf höhere und subtilere Schwingungsebenen ist Zeichen für den Aufstieg des menschlichen Bewusstseins bis zu seiner höchsten Vollendung. Kundalini ist die kreative Energie des Selbstausdrucks. Ebenso wie durch die Fortpflanzung ein neues Leben erschaffen wird, so hat z.B. Albert Einstein diese Energie auf andere, subtilere Art genutzt, um die Relativitätstheorie zu entdecken. Sie drückt sich auch darin aus, dass jemand schöne Musik komponiert oder spielt. Sie bringt sich in jedem Bereich des Lebens zum Ausdruck, ob du ein Geschäft aufbaust, die Familienpflichten erfüllst, oder ein Ziel erreichst, was immer es sein mag().
Mit dem Erwachen von Kundalini entsteht eine Transformation im Leben. Sie hat sehr wenig mit moralischen, religiösen oder ethischen Anschauungen zu tun. Man kann sie eher als eine veränderte Qualität unserer Erfahrungen und Wahrnehmungen bezeichnen. Durch das Erwachen von Kundalini verändern sich deine Geisteshaltung und auch deine Interessen…() Als du ein Kind warst, hast du Spielzeug geliebt. Warum hast du jetzt kein Interesse mehr daran? Dein Geist und dein Verstand haben sich verändert und damit auch deine Interessen. Mit dem Erwachen von Kundalini entsteht eine Metamorphose, die sogar den ganzen physischen Körper neu strukturieren kann().
Seite 36: Kundalini – Energie oder Nervenimpulse
Es gibt eine ganze Reihe von Schulen, die eine Aussage dazu machen, was Kundalini wirklich ist. Viele Yogis behaupten, Kundalini sei ein pranischer (Prana = Lebensenergie) Energiestrom entlang des psychischen Weges von Sushumna (auch Konzeptionsgefäss und Lenkergefäss, TCM) in der Wirbelsäule. Sie vermuten diesen Prana Strom als Teil des Prana Körpers, der anatomisch kein Gegenstück hat (also im feinstofflichen System zu finden ist). Andere Yogis sehen Kundalini als einen Strom von Impulsen entlang der Nervenfasern, die den Nervengeflechten entspringen und sich um die Wirbelsäule herum zu ganz bestimmten Zentren im Gehirn aufwärts bewegen. () Alle Schulen stimmen jedoch darin überein, dass sich diese Erfahrung auf psycho-physiologischer Ebene im Bereich des Rückenmarks abspielt. Innerhalb des Rückenmarks befindet sich eine sehr wichtige Flüssigkeit, Liquor cerebrospinalis (Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) genannt. Wenn durch Pranayama (Yogische Atemübungen, um den Pranafluss im feinstofflichen Körper zu lenken) Übungen das Muladhara Chakra erwacht, wird der Liquorfluss angeregt ().
Seite 38: Den Tresor des kosmischen Bewusstseins sprengen
Obwohl es verschiedene Vorstellungen von Kundalini gibt, ist doch eines sicher: Durch Erwachen von Kundalini wird das menschliche Bewusstsein derart aktiviert, dass man seine besten Qualitäten entwickeln, in eine innige Beziehung mit der Natur treten und sich der Einheit mit dem gesamten Kosmos bewusst werden kann (AVATAR der Film von James Cameron drückt diese Qualität durch das Volk der Navi'i aus).

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